Salzburg Research FutureBook: Wie wir die digitale Transformation gestalten: Interview

Der Nobelpreis geht nie an Algorithmen

Netzwerkforscher Peter Dorfinger zeigt, wo der wirkliche Nutzen von 5G liegt, welche Erwartungshaltungen leider enttäuscht werden müssen und warum die Performance und die Zuverlässigkeit von Netzen von unabhängiger Stelle überprüft werden sollten. Die Künstliche Intelligenz wird hier immer bedeutender und leistet einen wertvollen Beitrag.

Interview: Michael. J. Mayr

Herr Dorfinger, Forschung zu 5G ist ein wesentlicher Aufgabenbereich bei Ihnen. Wohin geht diese Reise? 

Peter Dorfinger: Ich glaube, 5G hat großes Zukunftspotenzial. Es ist anders als Vorgängertechnologien, weil nicht mehr nur das Smartphone im Vordergrund steht, sondern es geht in Richtung Industrie, automatisiertes Fahren, in den Bereich von Hilfsdiensten oder der Zukunft der Energienetze. Es ist wichtig, den wahren Mehrwert der 5G-Technologie herauszuarbeiten. Und dort forschen wir gerade mit unserer eigenen Basisstation daran, gemeinsam mit Salzburger Partnerorganisationen verschiedene Use Cases exemplarisch umzusetzen.

Was passiert in Ihrem Messlabor?

Wir schauen uns mit unserem Messwerkzeug die wirkliche Performance des Netzes an. Sprich: wie ist der Durchsatz, wie die Latenz, die Verzögerung. Damit wollen wir sicherstellen, dass verschiedenste Anwendungen sich nicht gegenseitig negativ beeinflussen, etwa eine Anforderung mit sehr hohem Durchsatz und parallel eine mit sehr niedriger Latenz wie Roboterfernsteuerung oder automatisiertes Fahren. Da müssen verschiedene Systeme viele Informationen untereinander austauschen, um schnell aufeinander zu reagieren.

Peter Dorfinger beim 5G-Forschuangsmast in der Science City Itzling

Hält denn 5G immer was es verspricht?

Man muss unterscheiden zwischen dem Marketingbegriff 5G, wo quasi alles schon fertig ist und funktioniert, und der Realität. Die Erwartungshaltung im Markt ist, dass alle Versprechungen einhaltbar sind. Die Realität zeigt aber, dass es noch Hindernisse gibt. Standardisierung und Produkte hinken hinter den Versprechungen her. Erst wenn es Standards gibt, können auch Produkte folgen. Sprich: Hardware, die entwickelt wurde und erst dann wird es auch die entsprechenden Services geben, die Internet Service Provider anbieten können. Und in dieser Kette gilt es herauszufinden, was von den Versprechungen tatsächlich in der Realität ankommt.

Ein Versprechen ist die Zuverlässigkeit drahtloser Kommunikation. Die soll höchste Sicherheitsstandards erfüllen. Wird dieses Netz wirklich dicht sein?

Zuverlässigkeit ist eines der ganz zentralen Themen. Wenn Sie bedenken, dass automatisierte Fahrzeuge über drahtlose Netze kommunizieren, dann muss das anders sein, als wenn Sie vor Ihrem Laptop sitzen und Webseiten aufrufen. Wenn die einmal nicht laden, ist es höchstens ärgerlich, aber nicht weiter schlimm. Bei automatisierten Fahrzeugen hingegen passieren Unfälle. Und wenn man es in Richtung Industrie denkt, kommt es zu Produktionsausfällen, wenn diese Netze nicht mehr funktionieren. Daher ist die Zuverlässigkeit ganz zentral. Wir fokussieren uns dort auf die Überwachung der Zuverlässigkeit. Das eine ist das Versprechen der Herstellenden und der Provider, das andere das Monitoring, das Anlagenbetreibende selbst machen wollen und können. Wichtig ist, dass das transparent und nachhaltig und unabhängig entwickelt wurde, damit eben sichergestellt ist, dass diese Netze eine reale Zuverlässigkeit haben.

Immer wieder werden Unternehmen Opfer von Cyberkriminalität und schrammen haarscharf an einem Totalausfall vorbei. Manchmal reicht dazu eine kleine Lücke im Mail-System. Kann 5G derartiges Hacking verhindern?

Wir müssen immer zwischen technischen Systemen und Menschen unterscheiden, die diese bedienen. Bei 5G wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass es als sicheres System funktioniert. Dennoch ist die Technologie, die eingesetzt wird, immer nur so sicher wie die Menschen davor und welche Awareness sie für mögliche Sicherheitsgefahren haben. Ob ich 5G verwende oder nicht, verändert nicht das Sicherheitsbewusstsein. Somit verändern sich auch die Angriffsmöglichkeiten nur geringfügig.

Wieviel Künstliche Intelligenz steckt hinter 5G? 

Kommunikationsnetze werden insgesamt vermehrt durch Künstliche Intelligenz gesteuert. Die gesamten Abläufe im Hintergrund, die Optimierungen werden durch KI passieren. Bei der Komplexität, die Kommunikationssysteme heutzutage schon haben, wird KI uns Menschen entscheidend entlasten. Es ist ja immer mehr Monitoring notwendig. Durch KI werden die Identifizierung von Fehlern und die zielgerichtete Optimierung unterstützt. Künstliche Intelligenz kann dann automatisch reagieren oder die Entscheidungssysteme im Betrieb unterstützen.

Bei manchen schrillen bei künstlicher Intelligenz Alarmglocken. Bei vielen großen Konzernen steuern Roboter längst die Abläufe und Menschen arbeiten zu. Ein anderes Beispiel sind Bäckereien, wo in der Nacht keine Menschen mehr die Brotmaschinen bedienen. Was erwidern Sie auf diese KI-Ängste wie Arbeitsverlust, Datenüberwachung, Big Brother?

Ich glaube, dass uns die Geschichte gezeigt hat, dass Menschen sehr anpassungsfähig sind. Es gab immer Veränderung, die Jobs betroffen haben. Auch eine Dampfmaschine hat Jobveränderung gebracht. Ich spreche bewusst nicht von Jobvernichtung. Man muss sich auch die Frage stellen, was für Menschen erstrebenswert ist und was nicht. Fragen wir doch Bäcker:innen, wie schwer sie jemanden finden, der bereit ist, um zwei in der Früh zu arbeiten. In diesen Berufen Erleichterung zu schaffen, ist durchaus positiv zu sehen, weil die Bäcker:innen sonst ihre Kund:innen nicht mehr bedienen können. Das heißt, Jobs werden sich verändern, Anforderungen werden sich verändern, Tätigkeiten werden sich verändern. Nur durch Veränderung wird sich die Menschheit weiterentwickeln. Und KI ist einer der Aspekte, die jetzt Möglichkeiten bieten. Bei der Datenüberwachung und der Angst vor Big Brother kann man auf die Datenschutzverordnungen verweisen. Die DSGVO regelt sehr streng, was erlaubt ist und was nicht. Und dann müssen wir auch das Vertrauen in die Politik haben, die richtigen Maßnahmen zu setzen. Mit der DSGVO hat die Politik gezeigt, dass man dazu bereit ist und somit die Menschen auch geschützt werden. Gleichzeitig muss man dem gegenüberstellen, was Menschen von sich aus bereit sind, nach außen zu geben. Mit Trends wie Facebook, TikTok, Instagram und dergleichen macht sich ein Teil der Menschheit freiwillig zu gläsernen Geschöpfen.

Durch KI werden die Identifizierung von Fehlern und die zielgerichtete Optimierung unterstützt.

Peter Dorfinger, Salzburg Research

Ein wesentlicher Auftrag von Salzburg Research ist, den Green Deal zu unterstützen. Was halten Sie davon, die Maßnahmen an eine Künstliche Intelligenz zu übertragen, an Algorithmen, weil die möglicherweise weniger angreifbar sind und entschiedener als die Politik?

Das ist eine spannende Frage. Ich glaube, wir sollten mehr auf die Wissenschaft vertrauen. Die Wissenschaft gibt Empfehlungen, entscheidet aber nicht. Genauso könnte auch Künstliche Intelligenz Vorschläge formulieren. Aber die Entscheidung trifft immer die Politik. Und die entscheidet meist, was die Wählerinnen und Wähler wollen. Im Prinzip geht es darum, wie wichtig wir als Gemeinschaft den Green Deal und die CO2-Reduktion wirklich nehmen. Dann werden auch die politischen Prozesse entsprechend der Wissenschaft gelegt. 

Wäre es nicht vielleicht besser, in Klimafragen Ruckzuck-Entscheidungen durch Algorithmen zu postulieren, statt zu warten bis die Mehrheit der Wähler:innen mitzieht?

Wir arbeiten mit unserer Forschung mittlerweile seit zehn Jahren auch im Bereich der Energienetze. Da geht es darum, erneuerbare Energien in die Netze zu bringen, Netze intelligenter steuerbar zu machen, das Aufkommen von Elektromobilität zu managen, Verbrauch und Erzeugung besser in Einklang zu bringen. Es gibt dort bereits viele Lösungen. Es liegt an uns selbst, diese Möglichkeiten auch zu nutzen und die Energiewende entsprechend voranzutreiben. Wir brauchen keine Erlaubnis, etwas zu tun, das sowieso erlaubt ist: Ich kann mir eine Photovoltaik-Anlage montieren, ich kann meinen Verbrauch so abstimmen, dass ich möglichst viel meiner eigenen Sonnenenergie verwende. Wir können uns zusammenschließen sie in der Nachbarschaft teilen. Wir Forscherinnen und Forscher denken schon einen Schritt weiter: Wie können wir die Energiesituation von einzelnen übergreifend über die gesamte Energiegemeinschaft abbilden? Wie können wir diese Informationen zusammenfließen lassen, um die eigenerzeugte Energie möglichst gut in die Energiegemeinschaft einfließen zu lassen, dabei die Energienetze zu entlasten und somit auch zur CO2-Reduktion einen nachhaltigen Beitrag zu leisten.

Augmented Reality, also animierte Realität, wo Mechaniker:innen Anleitung in der Datenbrille direkt sehen kann oder ich den Routenplan in einer fremden Umgebung, quasi das Smartphone vor Augen: Das war ein Hype, ist aber auch wegen der klobigen Brillen abgeflaut. Wie viel Chance geben Sie der Technologie?

Grundsätzlich sehen wir mit 5G auch das Potenzial, der Augmented Reality-Technologie wieder Aufwind zu verpassen. Im 5G-Bereich beschäftigen wir uns mit verschiedenen Anwendungen, vom Industrieroboter bis zum Sport, wo es um Echtzeitfeedback beim Laufen geht. Dazu gehört auch die kollaborative Raumgestaltung, unterstützt durch Augmented Reality.

Glauben Sie, dass Künstliche Intelligenz oder ein einzelner Algorithmus eines Tages den Nobel­preis bekommt?

Nein. Weil sich hinter jeglicher Künstlichen Intelligenz und hinter jeder Erfindung, die mit Künstlicher Intelligenz erreichbar wird, eine Person befindet, die diesen Algorithmus entwickelt hat, die Idee dazu hatte und das neuronale Netz dazu aufgebaut hat. Die eigentliche Leistung vollbringt nicht die Künstliche Intelligenz. Die eigentliche wissenschaftliche Leistung hat ein Mensch vollbracht, dass eine KI so gut funktionieren kann. Und da können wir uns noch darauf freuen, was dort alles möglich sein wird in Zukunft.


© wildbild

DI (FH) DI Peter Dorfinger

Forschungslinienleiter Intelligent Connectivity

Peter Dorfinger ist 1979 in Tiefgraben am Mondsee als Ältester der drei Söhne eines Elektrotechnikers geboren und bis heute dort daheim. Er hat sich ab der HTL auf Informationstechnologie spezialisiert und diese auch studiert. Der verheiratete Vater zweier Kinder ist Lektor für Computernetzwerke an der FH Salzburg. Sein Hobby ist die Feuerwehr.

  • An mir mag ich meine lustige Art.
  • Lernen möchte ich unbedingt geduldiger zu sein.
  • Eine Kleinigkeit, mit der man mir eine Freude machen kann, ist gemeinsame Zeit.
  • Am meisten ärgern kann ich mich darüber, wenn jemand nicht zu seinen Zusagen steht.
  • Ein Fehler, den ich leicht verzeihen kann, ist Unpünktlichkeit.
  • Nichts geht für mich über meine Familie.
  • Angst macht mir nichts wirklich. Es ist es nicht wert, sein Leben mit Angst zu erfüllen.
  • Hoffnung gibt mir, dass am Ende alles gut wird, und wenn es noch nicht gut ist, ist es nicht das Ende.
  • Das Buch, das ich wärmstens empfehlen kann, lautet „Wenn du es eilig hast, gehe langsam: Wenn du es noch eiliger hast, mache einen Umweg“ von Lothar Seiwert.
  • Ein Erlebnis, essen zu gehen, wäre bzw. ist für mich mit meiner Familie.
  • In zehn Jahren werde ich mehr Lebenserfahrung haben.

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