Digibus® Austria: Neues Leitprojekt für automatisiertes Fahren im öffentlichen Personennahverkehr

2018-06-11:

Im neuen österreichischen Leitprojekt „Digibus® Austria“ erforscht und erprobt ein hochkarätiges Konsortium unter der Leitung der Salzburg Research Forschungsgesellschaft den zuverlässigen und sicheren Betrieb von automatisierten Kleinbussen im öffentlichen Personennahverkehr. Selbständigkeit und Fahrsicherheit von autonomen Fahrzeugen sollen weiter verbessert werden. Testfahrten für Forschungszwecke werden in Salzburg und Niederösterreich durchgeführt. Selbstfahrende Minibusse könnten im Personennahverkehr zukünftig als Zu- und Abbringer zu intermodalen Mobilitätsknoten oder zur Erschließung von Ortszentren eingesetzt werden. Ein erster 7-monatiger Testbetrieb 2017 in Salzburg brachte die Grenzen und Herausforderungen von selbstfahrenden Fahrzeugen zutage. Im neuen österreichischen Leitprojekt „Digibus® Austria“ werden in den kommenden drei Jahren Methoden, Technologien und Modelle für den zuverlässigen und verkehrssicheren Betrieb von automatisierten Fahrzeugen für den Personennahverkehr als Zu-/Abbringer in einem regionalen, intermodalen Mobilitätssystem entwickelt und erprobt, um die Selbstständigkeit und Fahrsicherheit solcher Fahrzeuge weiter zu verbessern. Die Ergebnisse aus dem Leitprojekt „Digibus® Austria“ werden die Grundlage für ein österreichisches Referenzmodell für die Realerprobung und den Betrieb von hoch- bzw. vollautomatisierten Fahrzeugen im öffentlichen Personennahverkehr bilden.

Forschungsziel: Die nächste Automatisierungsstufe

Weltweit werden immer mehr Testversuche angekündigt bzw. durchgeführt, bisher existieren jedoch nur wenige Forschungsprojekte, die eine systematische Weiterentwicklung von automatisierten Kleinbussen in Richtung höherer Automatisierungsstufen zum Ziel haben. Auf lange Sicht wird die Automatisierungsstufe 5 („Vollautomatisierung“) angestrebt. In Automatisierungsstufe 5 muss das Fahrzeug sämtliche Fahrsituationen ohne menschliche Interaktion bewältigen. Bis dahin ist aber noch viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit notwendig: „Derzeit erfüllen selbstfahrende Kleinbusse auf öffentlichen Straßen im Mischverkehr gerade einmal Automatisierungsstufe 2 („Teilautomatisierung“). Das bedeutet, dass in manchen Fahrsituationen wie beispielsweise beim Linksabbiegen an ungeregelten Kreuzungen ein menschlicher Eingriff notwendig ist. Im Leitprojekt wollen wir mit Simulationen und Tests in realer Umgebung erreichen, dass solche Situationen zukünftig möglichst ohne menschlichen Eingriff regelkonform und verkehrssicher bewältigt werden können“ sagt Karl Rehrl, Projektleiter von „Digibus® Austria. Im Rahmen des Leitprojekts werden der verkehrssichere Betrieb auf Automatisierungsstufe 3 („Bedingte Automatisierung“, d.h. der/die Fahrer/-in muss bei Bedarf zeitgerecht eingreifen) nachgewiesen und die Grundlagen für die Erreichung der Stufe 4 („Hochautomatisierung“, d.h. keine Eingriffe sind notwendig, nur bestimmte Fahrszenarien) geschaffen. Dabei erforscht und erprobt das Projekt vor allem auch Methoden der Umgebungs- und Fahrgastinteraktion sowie die Einbindung in ein regionales, intermodales Mobilitätssystem.

Forschungsschwerpunkte im Leitprojekt

Im Leitprojekt „Digibus® Austria werden folgende Schwerpunkte für einen zuverlässigen und verkehrssicheren Betrieb von automatisierten Fahrzeugen erforscht:

  • Verkehrssicherheit und Straßentauglichkeit: Mit welchen Methoden kann die Straßentauglichkeit bzw. Verkehrssicherheit eines hochautomatisierten Personenshuttles überprüft werden und welche Fahrszenarien können von einem hochautomatisierten Shuttle im Mischverkehr verkehrssicher und regelkonform bewältigt werden?
  • Menschliche Faktoren: Welche Interaktionskonzepte mit anderen Verkehrsteilnehmer/-innen eignen sich für regionale Fahrszenarien von hochautomatisierten Personenshuttles und welche Erkenntnisse lassen sich dazu mit einem Fahrsimulator bzw. durch Realerprobungen gewinnen? Welche Methoden zur multimodalen Fahrgastinteraktion mit Fokus auf Sprach- bzw. Video-basierte Ansätze eignen sich für den fahrerlosen Betrieb und wie kann dadurch ein ähnliches oder höheres Vertrauen im Vergleich zu einem Betrieb mit Fahrer/-in aufgebaut werden?
  • Neue Mobilitätsdienste: Welche Konzepte eignen sich für die Einbindung von hoch- bzw. vollautomatisierten Personenshuttles in ein intermodales, regionales Mobilitätssystem und wie können diese Konzepte in bestehende digitale Mobilitätsdienste integriert werden?
  • Digitale und physische Infrastruktur: Mit welchen Methoden kann die Eignung bzw. Ausstattung einer Fahrumgebung bzw. Fahrstrecke für ein hoch- bzw. vollautomatisiertes Personenshuttle analysiert und bewertet werden und wie kann die digitale Fahrumgebung bzw. Fahrspur inklusive der notwendigen Fahrmanöver für ein hoch – bzw. vollautomatisiertes Fahrzeug (teil-)automatisiert erstellt werden?
  • Konnektivität: Welche Technologien (LTE-V, ITS G5) eignen sich für welche Konnektivitätsanforderungen hoch- bzw. vollautomatisierter Personenshuttles und wie kann dadurch die Zuverlässigkeit der Positionierung bzw. Kommunikation verbessert werden?
  • Rahmenbedingungen: Welche Rahmenbedingungen (technisch, organisatorisch, rechtlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich) sind für Realerprobungen bzw. in weiterer Folge für den Betrieb von hoch- bzw. vollautomatisierten Personenshuttles in regionalen Umgebungen zu berücksichtigen und wie können diese in einem Referenzmodell abgebildet werden?

Testfahrten auf öffentlichen und nicht-öffentlichen Teststrecken

Sämtliche Methoden, Technologien und Modelle werden im Leitprojekt „Digibus® Austria“ auf einer nicht-öffentlichen sowie zwei öffentlichen, regionalen Teststrecken in Salzburg und Niederösterreich erprobt. Die ersten Testfahrten für Forschungszwecke werden ab Juni 2018 in der Salzburger Gemeinde Koppl stattfinden. „Die Testfahrten auf öffentlichen Straßen werden helfen, speziell entwickelte Konzepte zur Interaktion mit Fahrgästen und anderen Verkehrsteilnehmern zu testen. Ein geschulter Operator wird bei allen Testfahrten auf öffentlichen Strecken an Bord sein“, sagt Projektleiter Karl Rehrl von Salzburg Research. „Auf nicht-öffentlichen Strecken werden wir den Kleinbus unterschiedliche Fahrszenarien auch komplett autonom bewältigen lassen.“ Als Testfahrzeug steht im Leitprojekt „Digibus® Austria das Modell EZ10 des französischen Herstellers EasyMile zur Verfügung. „Die Ergebnisse sollen sich aber auch auf selbstfahrende Fahrzeuge anderer Hersteller übertragen lassen“, sagt Projektleiter Rehrl.

Hintergrundinformation zum Leitprojekt „Digibus® Austria“

Das Leitprojekt „Digibus® Austria läuft von April 2018 bis März 2021 und wird im Rahmen der Forschungsschiene „Mobilität der Zukunft“ vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie mit 2,5 Mio. Euro gefördert. Die Gesamtkosten belaufen sich auf über 4 Mio. Euro. Salzburg Research koordiniert ein hochkarätiges Partnerkonsortium, in dem führende Unternehmen sowie Forschungsinstitute entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) vom Fahrzeuganbieter bis zum Mobilitätsdienstleister zu den Ergebnissen beitragen. Forschungspartner: Virtual Vehicle Research Center, AIT Austrian Institute of Technology GmbH, Universität Salzburg – Center für Human-Computer Interaction, Universität für Bodenkultur – Institut für Verkehrswesen, Factum Chaloupka & Risser OHG Unternehmenspartner: Kapsch TrafficCom AG, PRISMA solutions EDV-Dienstleistungen GmbH, Commend International GmbH, Fluidtime Data Services GmbH, HERRY Consult GmbH, ÖBB-Holding AG, EasyMile SAS. Assoziierte Partner: Land Salzburg, Land Niederösterreich Weitere Informationen zum Leitprojekt werden auf www.digibus-austria.at veröffentlicht. Testfahrten für Pressevertreter sind ab Juni nach Vereinbarung möglich.

Erfahrungen aus dem Testbetrieb 2017:

Der Testbetrieb in Koppl war einer der ersten Versuche weltweit mit einem selbstfahrenden Kleinbus auf öffentlichen Straßen im gemischtem Verkehr in ländlicher Umgebung. Die Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Testbetrieb im Jahr 2017 wurden in einem Bericht zusammengefasst: Cornelia Zankl, Karl Rehrl (2018). Digibus® 2017 – Erfahrungen mit dem ersten selbstfahrenden Shuttlebus auf öffentlichen Straßen in Österreich. Salzburg: Salzburg Research. Download: https://srfg.at/digibus-ergebnisse

Rückfragenhinweis:

Dr. Karl Rehrl Salzburg Research Forschungsgesellschaft mbH Jakob-Haringer-Straße 5 | 5020 Salzburg 0662/2288-416 | 0664/1440368 karl.rehrl@salzburgresearch.at


 
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