4 brisante Trends in der touristischen Mobilität

Vier aktuelle Trends haben in der touristischen Mobilität speziell in ländlichen Ferienregionen wie dem Alpenraum eine besonders hohe Bedeutung. Sie führen zu zahlreichen Herausforderungen und Konflikten. Ein nachhaltiges Destinationsmanagement muss gute Antworten auf diese Trends finden.

Trend 1: Tagesausflüge und Kurzzeitaufenthalte

Seit Jahren werden touristische Gebiete nicht nur von Übernachtungsgästen, sondern auch von Tagesurlauber:innen aufgesucht. Laut dem Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Institut für Fremdenverkehr (dwif) zählen zu einem Tagesausflug alle Bewegungen, mit denen das Wohnumfeld verlassen wird, jedoch keine Übernachtung verbunden ist und auch sonst keine alltäglichen Erledigungen oder Fahrten im Zusammenhang stehen (zum Beispiel Einkaufen, der Weg zur Arbeits- oder Bildungsstätte oder Besuche beim Arzt/bei der Ärztin).

Die Anzahl an Tagesausflügen ist durch die pandemiebedingten Beschränkungen von 2019 auf 2020 vorerst teilweise zurückgegangen. Studien zeigen jedoch, dass zu den Zeiten, zu denen es keine Beschränkungen gegeben hat, die Anzahl der Ausflüge wieder zunimmt und das Vorjahresniveau übersteigt. Auch der Hauptanlass für Tagesausflüge hat sich verändert. Der Besuch von Verwandten, die Ausübung einer speziellen Aktivität wie Baden oder Wandern und die Spazierfahrten beziehungsweise die Fahrt ins Grüne haben einen Zuwachs erfahren. Pandemiebedingt haben Ziele wie Veranstaltungen, Einkaufsfahrten und Lokalbesuche Verluste verzeichnet (vgl. dwif, 2021). Diese Entwicklungen haben sich aber nicht nur in Deutschland und Österreich gezeigt, sondern sind weltweit in sehr vielen Ländern zu erkennen.

Herausforderungen aus Tagesausflügen und Kurzzeitaufenthalten

Mit dem Trend zu Tagesausflügen und Kurzzeitaufenthalten sind eine ganze Reihe an Herausforderungen verbunden:

  • Reduktion der Übernachtungsgäste.
  • Übers Jahr betrachtet kommen jedoch mehr Gäste als es Bewohner:innen gibt.
  • Die Menschenmassen konsumieren nur beschränkt vor Ort. Es profitiert vor allem der Detailhandel in Form von Souvenirs, weniger aber die Beherbergung und Gastronomie.
  • Probleme bei der Infrastruktur: Parkplätze, Haltemöglichkeiten für Busse, Durchreiseverkehr
  • Die Städte sind am Tag mitunter überlaufen mit starken Ansammlungen vor Sehenswürdigkeiten
  • Auch alltägliche Orte werden zu Sehenswürdigkeiten.
  • Sehenswürdigkeiten sowie An- und Abreisewege sind in typischen Zeitfenstern überlastet.
  • Einheimische werden von den Tourist:innen zum Teil im alltäglichen Leben behindert.

Mögliche Gegenmaßnahmen beinhalten oft eine Verteilung der Tourist:innen durch eine bessere Anbindung der umliegenden Sehenswürdigkeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder wenn andere Stadtteile für Tourist:innen attraktiver gestaltet werden.


Trend 2: Besuch von Naturräumen

Ein weiterer Trend ist der Besuch von Naturräumen, welcher für die breite Bevölkerung aufgrund der coronabedingten, mangelnden Alternativen zusätzliche Attraktivität gewann. Die vielfältige Natur zieht Besucher/-innen oft an das andere Ende der Welt, zu einem Korallenriff, aber auch in die nahegelegenen Alpen. Im Internet findet man inzwischen viele Angebote, die auf diesen Trend abzielen und Naturhotels oder Ferienhäuser ‘weg von der Masse’ anbieten. Die Natur ist aber kein Vergnügungspark, sondern ein sehr empfindliches Ökosystem, weshalb es in vielen Regionen immer wieder zu Problemen kommt, und es eine Herausforderung ist, Reisende und Natur in Einklang zu bringen.

Herausforderungen aus dem Besuch von Naturräumen

Der Besuch von Naturräumen bringt mitunter große Herausforderungen mit sich, die sich zum Teil gegenseitig bedingen:

  • Durch die sozialen Medien werden immer mehr Menschen auf einzelne Orte aufmerksam. Angesichts der schnellen und weiten Verbreitung der Informationen über solche Hotspots sind die Orte oft nicht auf einen solch schlagartigen Ansturm ausgelegt. Die Orte, die dadurch überlaufen werden, müssen sich aktiv mit Besuchermanagement auseinandersetzen.
  • Die Natur leidet. Sie wird durch Unwissenheit beschädigt oder auch durch den aus Faulheit zurückgelassenen Müll verunreinigt.
  • Interessenskonflikt zwischen dem Naturschutz und dem Tourismus.
  • Auch inoffizielle Wege werden in Internet beschrieben, in sozialen Netzwerken beworben und von Ortsunkundigen aufgesucht, Flora und Fauna wird dadurch stark beeinträchtigt.


Bei überlaufenen Hotspots in Naturräumen ist eine andere Vorgehensweise wichtig als bei solchen in Städten. Besonders wichtig ist hier, das Ökosystem zu schützen und somit den Bestand der Natur zu sichern!


Trend 3: Individualisierte Übernachtungsmobilität

Camping war bereits vor der Coronapandemie ein starker Urlaubstrend, vor allem wenn das altbekannte Campen mit luxuriösen Features aufgewertet wird, wie Baumhäusern oder modernen Hightech-Wohnmobilen. Naturnahe Übernachtungen haben große Beliebtheit, so wollen viele aus der Stadt hinaus auf das Land. Hier werden Campingplätze dann zum Teil als Sternenparks bezeichnet, da man ohne künstlichem Licht einen atemberaubenden Blick auf den Sternenhimmel hat.

Auch die Ausstattung der Campingplätze hat sich stark verändert. Es gibt immer mehr Plätze, die an Kurorte oder Thermalbäder angebunden sind oder sogar einen eigenen Wellnessbereich exklusiv für die Campinggäste anbieten.

Seit dem Jahr 2020 setzte sich dieser Trend weiter fort, so stiegen während der Covid-19 Pandemie immer mehr Menschen auf das Wohnmobil und Campingplätze um. Durch das eigene mobile Zuhause und den Zugang zur Natur kann problemlos viel Abstand gehalten werden und auch die Hygienemaßnahmen können gut umgesetzt werden. Diese Art des Urlaubs eignet sich also hervorragend für die Pandemie wie auch die Zeit danach – mit weiterhin starken Wachstumsprognosen für die Zukunft

Herausforderungen aus der individualisierten Übernachtungsmobilität

Der Ansturm auf die Campingplätze hat vor allem in den Jahren der Pandemie nochmal verstärkt zugenommen. Darauf waren jedoch viele Betreiber und auch die Infrastruktur teilweise nicht vorbereitet.

  • Viele Stellplätze sind bereits Monate davor ausgebucht.
  • Die teils fehlende Digitalisierung macht Interventionsmaßnahmen zur Lenkung der Reisenden im Campingbereich schwieriger.
  • Wildcamping wird notgedrungen zur Option, obwohl meist verboten. Es fehlt an Infrastruktur und führt zur Verschmutzung durch Fäkalien. Das Ökosystem wird gestört.
  • Störfaktoren durch Lagerfeuer, Lärm o.ä.
  • Durch die fehlenden Kenntnisse über den Naturraum, welcher bei der Reise besucht wird, wissen viele Gäste auch nicht, wie man sich verhalten sollte.
  • Ein weiteres Problem bringt die Müllentsorgung mit sich.
  • Nutzungskonflikte der Landschaft entstehen.

Trend 4: Anreise im motorisierten Individualverkehr

In Deutschland und in Österreich gilt der eigene Personenkraftwagen (PKW) als das beliebteste Fortbewegungsmittel. Dabei werden die Vorzüge der Bequemlichkeit, Unabhängigkeit und der Komfort großgeschrieben. Während der Covid-19-Pandemie kamen noch weitere positive Aspekte hinzu, wie die Möglichkeit der Distanz zu fremden Fahrgästen und die selbstbestimmte Hygiene. Auch bei der Urlaubsreise haben die meisten Menschen in Österreich und Deutschland immer schon auf den PKW zurückgegriffen, was sich während der Pandemie noch weiter verstärkt hat. Bei Flugreisen kam es durch die pandemisch bedingten Unsicherheiten zu einem Rückgang, wodurch die individuelle Anreise mit dem PKW weiter zunimmt. Dennoch gibt es aus der Perspektive des Klimawandels gute Argumente, auf nachhaltigere Alternativen umzusteigen – ebenso im Sinne der Vermeidung von Verkehrsstaus und Parkplatzproblemen.

Herausforderungen aus der Anreise im motorisierten Individualverkehr

  • Bei Urlaubsreisen stellt der Transport von Passagieren und Gepäck die größte Klimabelastung dar. Bei der An- und Abreise werden zwischen 50 und 80 Prozent des CO₂-Ausstoßes des gesamten Urlaubs verursacht.
  • Zunahme des Individualverkehrs auf der Straße
  • Zunahme des Parkplatz-Suchverkehrs

Dabei ist es wichtig, Strukturen für eine nachhaltige Mobilität zu schaffen und die Anbindungen zu verbessern. Der Ausbau der Konnektivität im öffentlichen Verkehr steht dabei vor allem in ländlichen Gebieten im Vordergrund. Wenn Transportsysteme gut aneinander angepasst sind und somit möglichst reibungslos funktionieren, werden nachhaltige Mobilitätslösungen attraktiver für Reisende und Einheimische.

Im gesamten Alpenraum gibt es inzwischen viele Orte, die sich für eine nachhaltige Mobilität im Tourismus einsetzen. Wichtige Voraussetzung sind dabei für die Reisenden, dass der Ort eine gut angebundene Bahnstation besitzt und viele Unterkünfte, von denen das Ortszentrum fußläufig zu erreichen ist.


Best-Practice-Beispiele aus der Alpenregion

Details zur Datenlage sowie zahlreiche Umsetzungsbeispiele aus verschiedenen Alpenregionen, um die mit diesen Trends verbunden Herausforderungen zu meistern sowie konkrete Case Studies finden Sie in der Publikation „Nachhaltige Besucherstromlenkung im Alpenraum“. Außerdem enthalten: konkrete Use-Cases in Wagrain-Kleinarl, in der Wolfgangseeregion und im Berchtesgadener Land sowie zahlreiche innovative Interventionsmöglichkeiten für nachhaltige Besucherstromlenkung, basierend auf einer Systematik, die bei der Salzburg Research Forschungsgesellschaft entwickelt wurde.


Publikation: Nachhaltige Besucherstromlenkung im Alpenraum

Band 11 Cover "Nachhaltige Besucherstromlenkung im Alpenraum"

Nachhaltigkeit im Tourismus erfordert ein Besuchsmanagement, das auf Kapazitätsgrenzen und qualitativ tolerierbare Personendichten Rücksicht nimmt. Das Handbuch aus dem Projekt “Qualitätstourismus im Alpenraum” (gefördert im Programm Interreg Bayern-Österreich) bietet eine Hilfestellung bei Gästestromanalysen und der Entwicklung von Interventionen für eine nachhaltige Gästelenkung.

Markus Lassnig, Claudia Luger-Bazinger, Marie Kolm (2022): Nachhaltige Besucherstromlenkung im Alpenraum. Mehrwert datenbasierter Analysen und Interventionen mittels Nudging. Innovation & Value Creation Arbeitsberichte, Band 11.

Zum Download: Nachhaltige Besucherstromlenkung im Tourismus


Unser Angebot:

Besucherlenkung im Tourismus

  • Woher kommen Ihre Gäste und wie bewegen Sie sich in der Region?
  • Wie lange halten sich Ihre Gäste wo auf und wohin bewegen sie sich anschließend?
  • Wo liegen die neuralgischen Points of Interest, wie werden diese von den Besuchern kombiniert und wo bedarf es konkreter Steuerungsmaßnahmen?
  • Welchen Effekt hätte eine konkrete Lenkungsmaßnahme?
  • Welche Nudging-Konzepte eignen sich für welche Problemstellung in der Besucherlenkung?

Auf diese Fragen bietet Salzburg Research detaillierte Antworten mittels innovativer Lösungsansätze, die wir durch Expertise im Bereich der Besucherstrommessung, Besucherstromanalyse und Besucherlenkung ermöglichen. Profitieren Sie von einer vollständigen Prozessbegleitung und unserem reichhaltigen Methodenpool.
Zu unserem Angebot: Besucherlenkung im Tourismus

Markus Lassnig

Markus Lassnig ist Senior Researcher und Consultant im Forschungsbereich InnovationLab. Seine Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf folgende Schwerpunkte: Neuartiges Innovationsmanagement (Open Innovation, Innovationspotenzialanalysen etc.) für sowohl Produkt- als auch Prozessinnovationen; Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien; Internet-Ökonomie, statistisches Monitoring und Analyse von neuen und innovativen e-Business-Formaten, Social Media Mining, Marktanalysen, Business Modell-Entwicklung und Trendforschung.


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Salzburg Research Forschungsbereich(e):
Salzburg Research Forschungsschwerpunkt(e): Publiziert am 22. Sep 2022
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